Das Gesetz der Domäne Berlin ist ein meist mündlich weitergegebenes Regelwerk und die „selbstverständlich gelebte“ Kultur des Berliner Danse Macabre. Es wurde einige Zeit nach Beginn der industriellen, nationalstaatlichen Moderne durch den ERSTEN MAGISTRAT formalisiert und im Namen der bis dahin direkt herrschenden GLORIA NOCTEM erlassen, womit der Berliner Invictus sich zugleich aus der Verwaltung Berlins zurückzog.

Der Wortlaut des Berliner Gesetzes ist nicht einklagbar. Vor allem, weil es nicht den einen, konkreten Wortlaut gibt, nur verschiedene Wortfassungen derselben Gedanken und Prinzipien. Und außerdem, weil der Überzeugung der Kinder der Nacht nach jeder Fall für sich genommen und geklärt werden muss.

Deshalb werden im Folgenden sowohl Beispielfassungen der Gesetze in Form kurzer Statements gelistet – nicht unähnlich den Traditionen, die auch sehr generelle, vielfältig interpretierbare Sprüche sind. Danach folgt jeweils ein kurzer Abschnitt dazu, wie das jeweilige Gesetz bisher in der Domäne allgemein aufgefasst wird.

Das bedeutet nicht, dass sich die Kultur der Domäne nicht verändern kann – aber bei Spielstart ist das der seit Jahrzehnten und länger bestehende Ausgangszustand. Also das, was die Neonaten und speziell alle ANCILLAE-Charaktere gewohnt sind und was sie auch für die Zukunft erwarten.

LEX VAMPIRICA

I DOMÄNE

Deine Domäne ist dein Besitz. Niemand soll sie betreten, ohne von dir eingeladen oder eingelassen zu sein. Ein jeder schuldet dir Respekt, solange er sich in deinem Geviert aufhält. Niemand lehne sich gegen dein Wort auf, solange er darinnen weilt.

Heißt: Auch wenn deine Zuflucht im Revier eines anderen liegen sollte, hast du in dieser das „Hausrecht“ – und schuldest dabei aber dem Besitzer des Reviers Respekt (sprich: Sein Wort steht über deinem Wort). Alle Reviere sind wiederum „Tenurialdomänen“ der Domäne Berlin – somit leitet sich aus diesem Gesetz auch das Prinzip: „Der Invictus (genauer: Die Gloria Noctem) muss respektiert werden“ ab.

Auch leitet sich aus diesem Gesetz das harte Vorgehen gegen Wilderei ab sowie der Brauch, sich dem Besitzer einer Domäne (und oft auch: dem Gastgeber einer Ladung als „Herr des Abends“) so rasch als möglich vorzustellen oder sich zuvor anzukündigen und um Einlass zu bitten. Ungewöhnlich viele Vampire Berlins praktizieren diesen Brauch sogar gegenüber Menschen und ihren Wohnungen, und man nimmt an, dass gerade dieser Brauch noch aus Zeiten der Gloria-Noctem-Herrschaft stammt.

Nicht zuletzt leitet sich aus diesem Gesetz der besondere Stand des „Eigners“ ab: Wer in Berlin Heimaterde (= ein Revier) besitzt, dem kann in Versammlungen der Domäne nicht die Stimme verwehrt werden. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass nur, wer einen Anteil an der Domäne Berlin hat, diese auch repräsentieren darf. Mit anderen Worten: Nur Eigner kommen als Amtsträger gleich welcher Art in Frage.

Kritisch für die Anwendung des Gesetzes der Domäne ist die Frage des Besitzes: Es kann nur derjenige das Recht der Domäne für sich beanspruchen, dem sie auch zweifelsfrei gehört. Sobald ein Territorium umstritten ist, kann es sein, dass dort niemand (außer Gloria Noctem und Magistrat) das Domänenrecht inne hat.

In früheren Streitereien wurde außerdem geklärt, dass der Magistrat die Domäne Berlin nicht „besitzt“: Er übt nur die Verwaltung für die Gloria Noctem aus – inwieweit ihm dafür Respekt geschuldet wird und inwieweit er Rechte im Revier eines anderen besitzt, war schon öfter Ursache für zum Teil heftigen Streit und ist ein wunder Punkt, der heutzutage vom Magistrat nur forciert wird, wenn es unbedingt nötig ist.

II MASKERADE

Offenbare niemandem deine wahre Natur, der nicht vom Blute ist. Tust du solches, verwirkst du dein Blutrecht.

Heißt: Die Menschen dürfen nie erfahren, dass es Vampire gibt. Wer die Maskerade der Vampire bricht, wird vernichtet. Auch wer sie „nur“ gefährdet, muss sich auf ein hartes Gericht und Urteil gefasst machen.

Als „vom Blute“ werden alle Menschen betrachtet, die einem Vampir zugehörig sind (also auch dessen Blutpuppen, Ghule und Blutsklaven, womöglich auch weitere Personen in seinen Diensten).

Verschiedentlich wurde argumentiert, dass auch Gezeichnete „vom Blute“ sind, da ihr Weg sie unzweifelhaft in die Reihen der Kinder der Nacht führen wird.

Im übrigen gilt es nicht als Maskeradebruch, im Internet oder Korrespondenz die Namen von Clanen oder Bünden zu verwenden – diese werden von neugierigen Menschen dank entsprechender Vorkehrungen für „Online Clane“ und andere lachhafte Spiel- und Chatgruppen gehalten.

III NACHKOMMENSCHAFT

Erschaffe ein Kind, so gehe mit ihm zugrunde. Die Last deines Kindes ist an dir zu tragen.

Heißt: Eigentlich ist es verboten, neue Vampire zu erschaffen – mindestens aber werden Erschaffungen ungern gesehen und streng begrenzt. In jedem Fall gilt: Der Erschaffer ist für sein Kind voll verantwortlich.

In Berlin endet diese Haftung mit einem zeremoniellen Freisprechen des Kindes vor der gesamten Domäne – dennoch werden auch spätere Ärgernisse, die durch das freigesprochene Kind verursacht werden, dem Erschaffer angelastet (in Form von Ansehensverlust).

In Berlin ist es üblich, die Erschaffung öffentlich zu vollziehen (was nicht heißt, dass es illegal wäre, es anders zu halten, es ist nur grob unhöflich gegenüber den kollektiven Eignern der Domäne). Das designierte Kind wird meist Monate zuvor schon vom Erschaffer öffentlich „beansprucht“ und in die Gesellschaft der Vampire eingeführt (sollte daraus ein Maskeradebruch hervorgehen, ist der Erschaffer voll dafür verantwortlich).

Das Sanktum versucht gelegentlich durchzusetzen, dass der zu Erschaffende in seine Erschaffung einwilligen muss und somit Gottes Strafe und Aufgabe willentlich auf sich nimmt (wodurch er sich praktischer Weise selbst versündigt, was jeden Verdacht austilgt, der Mensch könne ein Unschuldiger sein). In vielen Fällen hat die dunkle Kirche aber nicht das Druckmittel, ihrer Forderung etwa gegenüber ranghohen Vampiren Nachdruck zu verleihen.

IV AMARANTH

Es ist verboten, das Herzblut eines vom Blute zu trinken. Tust du solches, wird deine Bestie dich verschlingen.

Sämtliches Blut eines Vampirs auszutrinken ist der größte Rausch, den es auf Erden gibt. Gerade deshalb ist diese Diablerie strengstens verboten und führt bei Bekanntwerden immer zur Jagd und Vernichtung. Auch in Berlin, und egal um wen es sich handelt.

V MAGISTRAT

Der Domänenfrieden wird gewahrt durch Ratschluss der Eigner in ihren Kabalen und das Wort des Magistrats.

Das letzte und diffuseste der Gesetze ordnet das Leben in Berlin. Ein Eigner ist jeder Vampir mit Revierbesitz in Berlin. Eine Kabale im hier gemeinten Sinne ist dem Verständnis der Berliner Anverwandten nach ein „fest gefügter“ (also halbwegs stabiler und dauerhafter, verlässlicher) Zusammenschluss von wenigstens fünf Kindern der Nacht (je mehr Eigner, desto besser), und das schon weit länger als es die Magistratsherrschaft in Berlin gibt.

Immer wieder gibt es Streit um die Anerkenntnis der einen oder anderen Bande als fest gefügte Kabale im Sinne des Gesetzes: Mal wird bezweifelt, dass ein bei Ausrufung der Kabale genanntes Mitglied überhaupt noch existiert, mal wird behauptet, dass die Kabale zu chaotisch ist, um als verlässlich zu gelten. Dabei bedeutet verlässlich nicht unbedingt treu zu den eigenen Prinzipien oder der eigenen Propaganda. Weit wichtiger ist, dass eine Kabale getroffene Absprachen einhält: Vor allem jedes öffentlich erklärte Versprechen und noch mehr der öffentliche Eid gilt als geradezu unbrechbar, und wer sein Wort bricht, findet sich schnell als von allen verjagter Pariah wieder.

Der im Gesetz genannte „Ratschluss“ findet in Form zweier Gremien statt, nämlich als öffentliche Vollversammlung der Domäne, in der aber nur Eigner Rede- und Stimme haben (das sie an einen anderen geben können, dessen Wort sie hören wollen, natürlich), und dem „Geheimen Rat“, in den jede vollwertige Kabale jeweils einen Repräsentanten (in der Regel ein Eigner) entsendet (ein Recht, von dem die Gloria Noctem noch nie Gebrauch gemacht hat).

Der im Gesetz genannte Magistrat ist noch immer derselbe, nämlich die Kabale des „Ersten Magistrats“. Ein Wechsel des Magistrats ist dem Gesetz nach absolut möglich, man mutmaßt aber allerlei geheime Fallstricke, von denen der wichtigste sein dürfte, dass jeder zukünftige Magistrat die Bestätigung und Anerkenntnis der Gloria Noctem (und/oder weiterer Ahnen der Domäne) haben müsste.

Auch das Wissen darum, dass ein Magistrat niemals völlig frei in seinen Entscheidungen ist und es irgendwelche „geheimen Weisungen“ der Domänenkräfte im Hintergrund gibt, schreckt manchen davon ab, nach dem Szepter zu greifen (freilich könnten die Gerüchte um Geheimbefehle, Blutbünde, Eide und Zauber auch nur Propaganda des Ersten Magistrats sein, um Konkurrenten abzuschrecken).

Ebenfalls Quelle von Streit ist die Ausdeutung der Gewichtung zwischen der Eignerversammlung, dem Geheimen Rat der Kabalen und dem Wort des Magistrats. In der Praxis versucht der Magistrat bislang stets, eine Politik zu machen, die durch den Rat unterstützt wird, und der Rat wiederum lässt strittige Punkte gerne durch die Eignerversammlung klären, soweit das möglich ist. Dass der Magistrat sich aktiv gegen eine überwältigende Mehrheit im Rat oder die Eignerversammlung gestellt hätte, ist noch nie vorgekommen (sich gegen die Mehrheit der Eigner zu stellen, wäre zudem ein klarer Bruch des Ersten Gesetzes (Domäne)).

Auch Gerichtsverhandlungen fanden bisher stets unter Beteiligung sämtlicher Eigner und Entscheid der Ratsvertreter als Geschworene statt. Die Direktorin des Ersten Magistrats hatte dabei allenfalls die Funktion der Gerichtsvorsitzenden bzw. einer Richterin, die an den Geschworenenentscheid gebunden ist.

DAS EQUILIBIRIUM

Neben den oben genannten Gesetzen gibt es zudem das ungeschriebene Prinzip des EQUILIBRIUMS, einem geradezu mythisch verehrten Gleichgewicht zwischen den alteingesessenen Eignern, Kabalen und Familien der Domäne, das der Überzeugung der ANCILLAE der Domäne das Fundament des Domänenfriedens bildet.

In ferner Vergangenheit, als der Invictus in Gestalt der Gloria Noctem sich langsam aus der aktiven Herrschaft der Domäne zurückzog, sei ein Machtvakuum entstanden, das viele zu füllen versuchten. Es gab ein gewaltiges Aschen unter den damaligen Kindern der Nacht Berlins – die wenigen damals überlebenden Neonaten sind die heutigen alteingesessenen Ancillae.

Es versteht sich von selbst, dass sich die angefügten Notizen zur Praxis der Gesetze im Laufe des Spiels ständig aktualisieren und weiterentwickeln werden. Dennoch sollten im Speziellen die ANCILLAE bedenken, dass die hier niedergelegte „Kultur“ und Gesetzespraxis DAS GEWOHNTE UND BEWÄHRTE ist.

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