Im Spiel Vampire:Requiem ist jede Erschaffung ein riskanter und sehr wohl überlegter  Akt: Die Vampire kennen von alters her nur drei eherne Traditionen, deren zweite die Erschaffung neuer Vampire mehr oder weniger verbietet und den Erschaffer zum Vollverantwortlichen für alle macht, was sein Blut im Requiem anrichtet. Zudem opfert der Erschaffer einen Teil seiner selbst und gibt ihn in sein Kind: Er selbst bleibt dadurch geschwächt zurück und bietet all seinen Feinden somit die perfekte Einladung zum Angriff.

 

Die Wahl des Kindes ist immer gut überlegt, denn der Erschaffer ist voll für dessen Taten verantwortlich – unbeabsichtigte Beleidigungen mächtiger Würdenträger inklusive. Potenzielle Kinder – sogenannte „Erwählte“ – können Wochen, Monate oder gar Jahre beobachtet werden, ohne jemals zu bemerken, dass sie für die Unsterblichkeit in Betracht gezogen worden sind. Viele Erschaffer greifen lange vor dem Kuss sanft in die Geschicke ihres Erwählten ein, lenken sein Leben in eine Richtung, die den Übertritt in den Untod leichter machen oder die besondere Talente oder Eigentum mit sich bringen wird, für die der Erschaffer Verwendung hat. Einige Erschaffer gehen so weit, ihr Kind regelrecht zu „züchten“ – manchmal aus der eigenen sterblichen Familie, deren Stammbaum liebevoll gepflegt wird – und es so zu gestalten, dass es perfekt zu den Bedürfnissen und Plänen des Erschaffers passt. Andere erschaffen ihr Kind ohne nachzudenken, aus der Panik des Moments heraus, wenn sie feststellen, dass trotz aller Vorsicht ein unschuldiger oder besonders geschätzter Mensch in ihren Armen gestorben ist.

Die Umstände der Erschaffung deines Charakters sowie vor allem die Motivation deines Erschaffers, ausgerechnet(!) deinen Menschen zum Vampir gemacht zu haben, sollte ein zentraler Pfeiler deiner Charakterkonzeption sein!

Um einen neuen Vampir zu erschaffen, saugt der Erzeuger dem Erwählten ähnlich wie einem normalen Opfer beim Trinken das gesamte Blut aus. Dann, wenn die Schwelle des Todes erreicht wird, gibt der Erzeuger dem Erwählten eine kleine Menge des eigenen Blutes in den Mund. Es reichen schon ein bis zwei Tropfen, um den Vorgang abzuschließen. Der Kuss kann sogar einem anderweitig Verstorbenen gegeben werden, solange dessen Leib noch warm ist von der Nachglut seines verebbenden Lebens.

Nicht jeder, dem der Kuss gegeben wurde, erhebt sich auch aus dem Tod. Die allermeisten Menschen sterben einfach, wenn man versucht, ihnen den dunklen Kuss weiterzugeben. Nur jene Geplagten, die schon im Menschsein die Seele des Raubtiers in sich trugen, sind im Stande, sich von den Toten wieder zu erheben. Und selbst von diesen sind einige zu schwach, um auch nur die ersten Jahre zu überleben.

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Es verlangt Übung und Überlegung für einen Vampir, jene besonderen Menschen zu erkennen, deren Tod kein friedliches Entschlafen sein wird, sondern die sich mit solch getriebener Vehemenz und Hunger ans Leben krallen werden, dass sie durch das Trauma der Erschaffung bestehen. Oft ist es nur ein Bauchgefühl, ein Wink des Schicksals. Aber manchmal irrt sich ein Vampir auch, und ein geliebter Mensch, dem er die Ewigkeit schenken wollte, stirbt in seinen Armen, weil er zu viel in ihm gesehen hat.

Jene Menschen, die das Raubtier schon im Leben in sich tragen, werden oft „Gezeichnete“ genannt, als wären sie vom Schicksal gebrandmarkt, dereinst ein Vampir zu sein. Unter den Vampiren existiert die Vorstellung, dass man die Chancen auf einen erfolgreichen „Übertritt“ durch äußere Umstände verbessern kann – etwa, indem man dem Erwählten im Moment vor dem Tod einen guten Grund gibt, der Verlockung des „Loslassens“ vom Leben zu entgehen. Manche weihen den Menschen vor der Erschaffung ein, verführen ihn mit Ausschmückungen von den Freuden der Unsterblichkeit und Macht. Andere nutzen die Sorge des Erwählten um einen geliebten Menschen, den sie bedroht sehen, dazu, ihn im Leben festzuhalten – nur um dem vor Hunger Rasenden dann genau jenen Menschen unter schallendem Lachen als Beute vorzuwerfen.

Was immer den Erwählten über die Schwelle treibt: Ist der Kuss erfolgreich, verwandelt sich der Körper neu und schüttelt dabei in aller Regel die Makel eines normalen sterblichen Körpers – wie Kurzsichtigkeit, Lähmungen und Entstellungen – ab, um schöner und voll raubtierhafter Anmut zu erwachen.

Das neue Kind der Nacht erwacht wieder, aber sein Herz schlägt nicht mehr und sein Blut fließt nicht länger. Im Laufe der kommenden Wochen wird sein Inneres verrotten, sein Äußeres aber wird auf immer zeitlos so bleiben, wie es im Moment des Todes war. Es ist jetzt einer der lebenden Toten.

Beim Erwachen spürt das Kind einen immensen, nie gekannten Hunger, eine Gier nach Leben und Blut, die keinerlei Grenze kennt. Dies ist die erste und für jeden Vampir unvergessliche Begegnung mit dem, was die Vampire die „innere Bestie“ nennen.

In aller Regel wird der Erschaffer dem Kind entweder selbst Blut geben oder ein Opfer bereithalten, an dem es seinen Hunger stillen kann. Ist dies nicht der Fall, wird das Kind in blindem Rasen davonstürmen und die erstbesten Menschen oder Tiere zu Tode trinken, bis sein Hunger zur Gänze gestillt ist.

Während der folgenden Wochen durchlebt das Kind unter Führung seines Erzeugers einige subtile oder auch nicht so subtile Veränderungen. Es lernt, seine erwachenden Kräfte zu gebrauchen, etwa sich schnell zu bewegen, ungesehen zu wandeln oder mit Tieren zu sprechen. Es erfährt von dem in ihm tosenden Dämon und wie man ihn zwar nicht beherrschen, aber lenken und unter Verschluss halten kann – meistens. Es lernt zu jagen – was oft das Schwerste ist, doch sein Hunger lässt keine Alternative zu.

Es lernt auch, dass es nun wahrhaft TOT ist. Es wird vielleicht feststellen, dass es nur noch in seinen Erinnerungen Freude, Zufriedenheit und Liebe empfinden kann, während die innere Bestie ihm neue Empfindungen von Hunger, Hass, Lust, Rivalität oder unentrinnbarer Panik vor Feuer und Sonne eingibt.

Genau diesen Verlust aller „hellen“ Gefühle und die Reduktion auf die niederen Instinkte von Macht, Missgunst und Fressen ertragen viele der jüngeren Vampire nicht. Einige entscheiden sich lieber für einen Gang in die Sonne als für Jahre kalter Bequemlichkeit, in denen die Erinnerung an Liebe und Freude immer mehr verblasst, bis auch sie bedeutungslos wird. Auf jene Vampire, die die ersten Nächte überstehen, wartet eine nun viel weitere Welt der Dunkelheit.

Anmerkung: Natürlich kannst du ganz in der Tradition klassischer Vampirgeschichten von Dracula bis Twilight auch als Vampir die wahre Liebe finden und lichte Gefühle empfinden. ABER die klassische Vampirerzählung macht ja nur deshalb Sinn, weil das Aufflammen des Lichtes ein so unerwarteter, einzigartiger, seltener und genau darum kostbarer Moment ist – der, nur so nebenbei, in aller Regeln in Blut und Tod und Trauer endet. Es ist daher auch deine Aufgabe, in der Darstellung deines Vampirs das Dunkel zu leben, damit das Licht dereinst hell leuchten kann.

 

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